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Aspirin, einst für die Primärprävention von Herzkrankheiten empfohlen, wird nun auch für die Sekundärprävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Frage gestellt, was für einen großen Teil der Bevölkerung Fragen zu seiner Wirksamkeit – und Sicherheit – aufwirft.

Auf einen Blick
  1. Seit Jahrzehnten raten Ärzten ihren Patienten routinemäßig, zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen Aspirin einzunehmen. Doch jüngste Forschungen haben die Richtigkeit dieser Empfehlung immer wieder in Frage gestellt.
  2. Es hat sich gezeigt, dass die Einnahme von niedrig dosiertem Aspirin zur Vorbeugung eines Herzinfarktes nicht nur keinen Nutzen bringt, sondern das Risiko von Blutungen erhöht.
  3. Jetzt zogen die kanadische Heart and Stroke Foundation, das American College of Cardiology und die American Heart Association ihre Empfehlung zurück. Und auch in Europa wird Aspirin nun nicht mehr empfohlen.

Seit Jahrzehnten raten Ärzten ihren Patienten routinemäßig, zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen Aspirin einzunehmen. Doch jüngste Forschungen haben die Richtigkeit dieser Empfehlung immer wieder in Frage gestellt.

Und jetzt kratzen zusätzliche Forschungsergebnisse am Image von Aspirin. Inzwischen wird das Präparat nicht mehr zur Primärprävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen empfohlen, aber jetzt bedroht die Forschung, auch noch die Empfehlung für die Sekundärprävention.

Seit langem soll Aspirin zur Herzinfarkt-Vorbeugung effektiv sein. Doch jüngste Studien lassen Zweifel aufkommen.
©fizkes – shutterstock.com

In Kanada nehmen 5,3 Millionen Erwachsene Aspirin zur Vorbeugung von Herzerkrankungen ein. Doch die meisten von ihnen sollten nach den neuen Richtlinien der Heart and Stroke Foundation1, die im Canadian Medical Association Journal veröffentlicht wurden, damit aufhören.

Die American Heart Association zieht seine Empfehlung für Aspirin zurück

Im Jahr 2019 vollzogen das American College of Cardiology und die American Heart Association eine Kehrtwende; nachdem sie jahrzehntelang routinemäßig zur Einnahme von niedrig dosiertem Aspirin zur Prävention von primären – also erstmalig auftretenden – arteriosklerotischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen (ASCVD) geraten hatten, zogen sie ihre Empfehlung nun zurück.

Auch in Europa wurde Aspirin nun entsprechend nicht mehr empfohlen, und ein Jahr später schloss sich auch Kanada dem neuen Konsens an und trennte sich von Aspirin zur Prävention von primären Herzerkrankungen.

Die amerikanischen Richtlinien empfehlen Menschen unter 40 oder über 70 Jahren und denen, die kein erhöhtes Risiko für eine arteriosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankung haben, bei denen aber ein erhöhtes Blutungsrisiko besteht, kein niedrig dosiertes Aspirin mehr zur Prävention.

Obwohl die amerikanischen Richtlinien erlauben, dass die Verabreichung von niedrig dosiertem Aspirin für Menschen zwischen 40 und 70 Jahren mit einem erhöhten Risiko für eine arteriosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankung, aber ohne erhöhtes Blutungsrisiko, in Betracht gezogen werden kann, warnen sie, »dass der Nutzen von Aspirin … in neueren Studien weniger offensichtlich war« und dass »die Kluft zwischen dem relativen Nutzen und dem relativen Schaden von Aspirin schmaler geworden ist«.

Selbst bei Menschen mit höherem Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung wird die vorherige Empfehlung, Aspirin zur Vorbeugung einzunehmen, hinterfragt.

Erhebliches Risiko von niedrig dosiertem Aspirin aufgedeckt

Mehrere neuere Studien erklären den Änderung der Empfehlungen. Eine Überprüfung der Forschung ergab keinen Nutzen von niedrig dosiertem Aspirin, aber ein signifikantes Risiko bei Menschen, die zuvor keinen Herzinfarkt hatten.2 Die zweite Schlussfolgerung lautete: »Es gibt keine verlässlichen Beweise dafür, dass Aspirin in den derzeit üblichen Dosen von 50-100 Milligramm pro Tag in irgendeinem gängigen klinischen Umfeld einen Nutzen hat.«3 Gemäß dieser Studie umfasst »jedes gängige klinische Umfeld« auch Menschen »mit bekannten Herz-Kreislauf-Erkrankungen«.

Untersuchungen an Menschen, die aufgrund mehrerer Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Cholesterinprobleme oder Diabetes ein höheres Risiko aufweisen,4 haben entweder ergeben, dass Aspirin nicht das Risiko senkt, sondern vielmehr unerwünschte Nebenwirkungen mit sich bringt, oder dass die Nebenwirkungen von gastrointestinalen und extrakraniellen Blutungen die geringe Prävention von vaskulären Vorfällen aufwiegt.5

Eine kürzlich im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie6 ergab, dass Aspirin bei Menschen, bei denen zuvor kein kardiovaskulärer Vorfall aufgetreten war, keine signifikante Verringerung des Risikos von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bewirkte, das Risiko einer größeren Blutung allerdings signifikant erhöhte.

Wie eine weitere, recht beunruhigende Studie7 aus jüngster Zeit gezeigt hat, ist bei Menschen, die niedrig dosiertes Aspirin einnehmen, aber keine Vorgeschichte von kardiovaskulären Vorfällen haben, das Risiko, an einer beliebigen Krankheit zu sterben, höher: 12,7 Vorfälle pro 1.000 Personenjahre in der Aspirin-Gruppe gegenüber 11,1 Ereignissen pro 1.000 Personenjahre in der Placebo-Gruppe. Krebs war eine Hauptursache für den Anstieg der Todesfälle in der Aspirin-Gruppe. 2,3 Prozent der Placebo-Gruppe starben an Krebs gegenüber 3,1 Prozent in der Aspirin-Gruppe.

Die neuen kanadischen Herz- und Schlaganfall-Richtlinien basieren auf vielen dieser Studien sowie auf einer weiteren neuen Studie mit Menschen mit durchschnittlichem kardiovaskulärem Risiko.8 Wie diese ebenfalls ergab, ist das Blutungsrisiko unter den Einfluss von Aspirin höher, während das Risiko für kardiovaskuläre Vorfälle nicht signifikant gesenkt wird. Die kanadischen Leitlinien verweisen auch auf zwei wissenschaftliche Studien, die bestätigten, dass niedrig dosiertes Aspirin das Risiko für größere Blutungen signifikant erhöht.9,10

Kanada empfiehlt Aspirin nicht mehr zur primären Herzinfarkt-Prävention

Wegen des mangelnden Nutzens im Hinblick auf kardiovaskuläre Vorfälle oder das Sterberisiko und des erhöhten Risikos größerer gastrointestinaler und extrakranialer Blutungen empfehlen die neuen kanadischen Richtlinien Aspirin oder Acetylsalicylsäure (ASS) nicht mehr zur Primärprävention kardiovaskulärer Erkrankungen – das heißt für Menschen ohne kardiovaskulären Vorgeschichte –, da ASS potenziell mehr schaden als nutzen könnte.

Empfohlen wird es in Kanada weiterhin für Menschen mit einer Vorgeschichte von kardiovaskulären, zerebrovaskulären oder peripheren Arterienerkrankungen. Die neuen Leitlinien machen deutlich, dass ASS selbst Menschen mit vaskulären Risikofaktoren nicht mehr zur Prävention eines ersten vaskulären Vorfalls empfohlen wird, was sich auf die oben erörterten Studien stützt.

Kardiovaskuläre Erkrankungen sind für einen von drei Todesfällen in Kanada verantwortlich: Das macht mehr aus als alle Krebsarten zusammen. ASS wird seit Jahrzehnten zur Prävention empfohlen. Diese einst gängige Praxis wird nun revidiert. Menschen, die noch nie einen kardiovaskulären Vorfall hatten, auch wenn sie mehrere Risikofaktoren aufweisen, wird niedrig dosiertes Aspirin nicht mehr zur Prävention empfohlen, da die Blutungsrisiken die erzielbaren Vorteile überwiegen.

Und jetzt wird durch eine gerade veröffentlichte systematische Übersicht und Metaanalyse11 der Wert von Aspirin für die Sekundärprävention, das heißt für Menschen, die bereits an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung leiden oder bereits früher einen Vorfall erlitten haben, noch weiter geschmälert.

Studie stellt Aspirin auch für Menschen mit bestehenden Herzrisiken in Frage

Die neue Studie untersuchte alle früheren Studien, die Aspirin mit einem P2Y12-Inhibitor zur Sekundärprävention bei Menschen mit bestehender zerebrovaskulärer, koronarer oder peripherer Arterienerkrankung verglichen. P2Y12-Inhibitoren sind eine weitere Klasse von Thrombozyten-Aggregationshemmern. Die Review umfasste neun Studien mit 42.108 Personen.

Menschen, die die P2Y12-Inhibitoren erhielten, wiesen im Vergleich zu denjenigen, die Aspirin erhielten, eine grenzwertige Senkung des Myokardinfarktrisikos um 19 Prozent auf. Keine der beiden Behandlungen hatte gegenüber der anderen einen Vorteil hinsichtlich des Risikos eines Schlaganfalls, eines vaskulär oder durch sonstige Ursache bedingten Todes. Das Risiko für schwere Blutungen war bei beiden Behandlungen gleich hoch.

Das bedeutet, Aspirin ist für die Sekundärprävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine schlechtere Wahl als P2Y12-Inhibitoren. Viel besser sind P2Y12-Inhibitoren allerdings auch nicht: Man müsste 244 Personen behandeln, um einen zusätzlichen Herzinfarkt verhindern zu können.

Aus diesem Grund kamen die Forscher zu dem Schluss, dass der Nutzen von P2Y12-Inhibitoren gegenüber Aspirin »angesichts der hohen Anzahl, die zur Behandlung benötigt wird, um einen einzigen Myokardinfarkt zu verhindern, und der fehlenden Wirkung auf die Gesamt- und Gefäßmortalität« von fragwürdiger klinischer Relevanz ist. Diese neue Studie untergräbt also das Vertrauen in die Empfehlung von Aspirin auch für die Sekundärprävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen weiter.

Dieser Artikel erschien erstmals am 28. Juli 2020 auf GreenMedinfo.com.

Quellen & weiterführende Informationen

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